Pieter Bruegel, der Ältere

Diagonalkomposition mit fallender Diagonale

Pieter Bruegel, d. Ä., "Das Gleichnis von den Blinden": Tempera auf Leinwand, 1568, 86 x 154 cm; Nationalmuseum Neapel

„Lasset sie fahren, sie sind Blinden-Leiter; wenn aber ein Blinder den anderen leitet, so fallen sie beide in die Grube“, heißt es im Evangelium (Matth. 15,14; ähnlich auch Luc. 6, 39 und Röm. 2, 19). Schon von Dante herangezogen (Purgatorio, Canto XVIII: „L’error de’ ciechi, che si fanno duci“), war das Gleichnis von den Blinden zu Beginn des 16. Jahrhunderts Gemeingut des damaligen Gedankenkreises. Daran erinnert auch Sebastian Brant, wenn er im Narrenschiff sagt:
„Eyn blyndt den andern schyltet blindt,
Wie wol sie beid gefallen synt.“
In die niederländische Malerei dürfte Hieronymus Bosch den Stoff eingeführt haben, dessen Komposition in einem Kupferstich von Peter van der Heyden erhalten ist. Dort ist die Darstellung noch getreu der Bibel folgend auf die Hauptfiguren von zwei Blinden beschränkt, wobei sich die Szene im Mittelgrund ähnlich wiederholt. Der ins Wasser gestürzte Führer trägt jedoch schon wie bei Bruegel eine Drehleier.
In Bruegels Gemälde sind sechs Blinde dargestellt, die nach dem Prinzip der „fallenden“ Diagonale von links oben nach rechts unten die Bildfläche durchqueren. Der Vorderste liegt bereits im Wassergraben, während ihm der nächste bald nachzufolgen droht. Diesem nachtastend, hängen mit ihm durch lange Stangen und auf die Schultern gelegte Hände auch optisch verbunden, die weiteren vier Unglückseligen zusammen. Ihnen wird das gleiche Schicksal beschieden sein. Indem die Diagonale mit dem letzten der Blinden von links hinten nach rechts vorne zu dem perspektivisch stark verkürzten Gefallenen führt, wird die Dramatik des Ereignisses erheblich verstärkt. Dabei entspricht die vermehrte Anzahl von Blinden bei Bruegel gegenüber seinen Vorgängern der Zerlegung einzelner Phasen des Sturzes in jeweils eine Person. Die Schrägen der Körperachsen versinnbildlichen die tappend hin- und herschwankende Labilität und verkörpern mit den sich immer mehr nach vorne und rechts neigenden Dargestellten den chronologischen Ablauf.