Leitgedanken

Spielräume für kreatives Lernen

- Relevanz für Allgemein- und Persönlichkeitsbildung -


 „Gedanken ohne Inhalt sind leer,
Anschauungen ohne Begriffe sind blind (…)
Der Verstand vermag nichts anzuschauen
und die Sinne nichts zu denken.
Nur daraus, dass sie sich vereinigen,
kann Erkenntnis entspringen.“

(Immanuel Kant: „Kritik der reinen Vernunft“)

 

  1. Das Bild als Vergegenwärtigung und Abbild

„Bild“ und „Bildung“ sind aufeinander angewiesen. Je­des Bild, vom Menschen -unwillkürlich oder absichtlich erzeugt - setzt eine Formung oder Bildung im ursprünglichen Sinne voraus. In Bildern machen Menschen etwas anwesend oder lassen es anwe­send erscheinen, um sich Bestimmbares oder Unbestimmtes im doppelten Wortsinn „vor-zu‑stellen“. Vice versa setzt deshalb Bildung das Bild voraus, die visuelle Präsenz als anschaulich einprägsames Moment menschlichen Denkens und Handelns sowie das Abbild, in dem etwas Abwesendes vergegenwärtigt ist.

  1. Zusammenspiel von kognitivem und anschaulichem Denken

Verstandesmäßige Erkenntnisweisen sind kein bild­freier, abstrakter Denkraum. Gebunden an das Nach­einander folgerichtig formulierter Aussagen sind sie auf Vorstellungsbilder angewiesen - auf bildhafte Worte, Redewendungen oder direkte Veranschaulichungen, mit denen sich erst die Gesamtstruktur des jeweils zu erkennenden Gegenstands erfassen lässt. Anschauungsmomente sind nicht selten ausschlaggebend für ein produktives Denken, das für spontane Umstruk­turierungen der Wahrnehmung empfänglich ist und daraus neue Schlussfolgerungen zieht. Anschauliches Denken ist deshalb maßgeblich an innovativen Lernvorgängen beteiligt und erstreckt sich auf alle Phasen der kognitiven Entwicklung.
In der „Allgemein bilden­den höheren Schule“ überwiegen auf Anschauung bezogene und kognitive Komponenten des Lernens. Durch den Einsatz ganzheitlicher Methoden, die Herz, Hand und Hirn gleichermaßen berücksichtigen, soll ein harmonisches Gleichgewicht geschaffen werden.

  1. Sinn(es)bildung durch mehrsinnige Wahrnehmungen und ästhetische Erfahrungen

Ästhetisch‑künstlerische Erziehung fördert das an­schauliche Denken durch eine besondere Form der Bildung - durch ein aktives Hinsehen im engen Kontakt mit anderen Sinnestätigkeiten und einem wachen Sinnes­bewusstsein. Lern­situationen und Lernerfahrungen, die „aisthetisch“ (altgriechisch: „von der Wahrnehmung kommend“) angelegt sind, gehen von subjektabhängigen Wahrnehmungen aus, die auf den Wegen der Empfindung, Gestaltung und Er­kenntnis differenzierte Zugänge zur Wirklichkeit und zur Kunst ermöglichen.

  1. Ausdrucksentwicklung und intersubjektive Verständigung

Das subjektive Ausdrucks‑, Gestaltungs‑ und Empfin­dungsvermögen in seiner individuellen Verschieden­artigkeit zu stärken ist eine vorrangige Zielvorstellung der Kunstpädagogik. Zur kreativen Persönlichkeits­bildung gehört jedoch ebenso die Bereitschaft zur intersubjektiven Verständigung, authentische Sehweisen wechselseitig zu erweitern und Bildwerke mit den „Augen des Ande­ren“ zu betrachten. Durch Verschränkung von Eigenproduktivität mit gemein­samen Reflexionsprozessen lassen sich bildnerische Ausdrucksfähigkeiten und Kennt­nisse über kunstgemäße Gestaltungsqualitäten erwei­tern.

  1. Selbsttätige ästhetische Praxis

Der Erwerb Praxis bezogener Fertigkeiten ist Vo­raussetzung für eigenständiges Gestalten und schließt Erfahrungswissen ein, das zu einem näheren Verständnis für das künstlerische Können beiträgt. Der Werkstattcharakter ermöglicht Handlungsspielräume für Lernvorhaben, die zur Gruppenarbeit anregen und den Teamgeist wecken.

  1. Interdisziplinäre Ausstrahlung

Die besondere Bildkompetenz, die in andere Disziplinen eingebracht werden kann, bleibt ästhe­tischen und künstlerischen Gesichtspunkten verpflich­tet. In interdisziplinären Zusammenhängen lässt sich aufzeigen, dass die ikonischen Komponenten von Bildwelten mit den Deutungsmustern von Weltbil­dern korrespondieren und sich in den Bild­sprachen der Kunst frühzeitig welt‑anschauliche Veränderungen ankündigen.

  1. Bildungswert der Kunst

Als „Kunst an der Kunst“ erweist sich, dass sie mehrsinnig zu sehen oder Unsichtbares zu imaginieren und sichtbar zu machen, aber durch eigenwillig ge­staltete Anschauungsformen von der Alltagswahrnehmung abzugrenzen vermag. Aus dieser Differenz begründet sich der besondere Bil­dungswert der Kunstwahrnehmung. Sie weckt Sensibi­lität für die Mehrdeutigkeit künstlerisch gestalteter Phänomene und damit für die komplexe Qualität moder­ner Selbst‑ und Welterfahrung, die im rationalen Den­ken allein nicht aufgeht. Deshalb lassen sich jene Momente der Kunst, die Engführungen im ge­wohnten Schönheitsempfinden, Wahrnehmungsverhal­ten und verstandesgemäßen Denken aufzulösen ver­mögen, als Potenzial nützen, das die Allgemeinbildung bereichert. Bildnerische Betätigung fördert in besonderem Maße die Phantasie junger Menschen, ihre kreativen Gestaltungsenergien und ihren Ausdrucksdrang.