- Relevanz für Allgemein- und Persönlichkeitsbildung -
„Gedanken ohne Inhalt sind leer,
Anschauungen ohne Begriffe sind blind (…)
Der Verstand vermag nichts anzuschauen
und die Sinne nichts zu denken.
Nur daraus, dass sie sich vereinigen,
kann Erkenntnis entspringen.“
(Immanuel Kant: „Kritik der reinen Vernunft“)
„Bild“ und „Bildung“ sind aufeinander angewiesen. Jedes Bild, vom Menschen -unwillkürlich oder absichtlich erzeugt - setzt eine Formung oder Bildung im ursprünglichen Sinne voraus. In Bildern machen Menschen etwas anwesend oder lassen es anwesend erscheinen, um sich Bestimmbares oder Unbestimmtes im doppelten Wortsinn „vor-zu‑stellen“. Vice versa setzt deshalb Bildung das Bild voraus, die visuelle Präsenz als anschaulich einprägsames Moment menschlichen Denkens und Handelns sowie das Abbild, in dem etwas Abwesendes vergegenwärtigt ist.
Verstandesmäßige Erkenntnisweisen sind kein bildfreier, abstrakter Denkraum. Gebunden an das Nacheinander folgerichtig formulierter Aussagen sind sie auf Vorstellungsbilder angewiesen - auf bildhafte Worte, Redewendungen oder direkte Veranschaulichungen, mit denen sich erst die Gesamtstruktur des jeweils zu erkennenden Gegenstands erfassen lässt. Anschauungsmomente sind nicht selten ausschlaggebend für ein produktives Denken, das für spontane Umstrukturierungen der Wahrnehmung empfänglich ist und daraus neue Schlussfolgerungen zieht. Anschauliches Denken ist deshalb maßgeblich an innovativen Lernvorgängen beteiligt und erstreckt sich auf alle Phasen der kognitiven Entwicklung.
In der „Allgemein bildenden höheren Schule“ überwiegen auf Anschauung bezogene und kognitive Komponenten des Lernens. Durch den Einsatz ganzheitlicher Methoden, die Herz, Hand und Hirn gleichermaßen berücksichtigen, soll ein harmonisches Gleichgewicht geschaffen werden.
Ästhetisch‑künstlerische Erziehung fördert das anschauliche Denken durch eine besondere Form der Bildung - durch ein aktives Hinsehen im engen Kontakt mit anderen Sinnestätigkeiten und einem wachen Sinnesbewusstsein. Lernsituationen und Lernerfahrungen, die „aisthetisch“ (altgriechisch: „von der Wahrnehmung kommend“) angelegt sind, gehen von subjektabhängigen Wahrnehmungen aus, die auf den Wegen der Empfindung, Gestaltung und Erkenntnis differenzierte Zugänge zur Wirklichkeit und zur Kunst ermöglichen.
Das subjektive Ausdrucks‑, Gestaltungs‑ und Empfindungsvermögen in seiner individuellen Verschiedenartigkeit zu stärken ist eine vorrangige Zielvorstellung der Kunstpädagogik. Zur kreativen Persönlichkeitsbildung gehört jedoch ebenso die Bereitschaft zur intersubjektiven Verständigung, authentische Sehweisen wechselseitig zu erweitern und Bildwerke mit den „Augen des Anderen“ zu betrachten. Durch Verschränkung von Eigenproduktivität mit gemeinsamen Reflexionsprozessen lassen sich bildnerische Ausdrucksfähigkeiten und Kenntnisse über kunstgemäße Gestaltungsqualitäten erweitern.
Der Erwerb Praxis bezogener Fertigkeiten ist Voraussetzung für eigenständiges Gestalten und schließt Erfahrungswissen ein, das zu einem näheren Verständnis für das künstlerische Können beiträgt. Der Werkstattcharakter ermöglicht Handlungsspielräume für Lernvorhaben, die zur Gruppenarbeit anregen und den Teamgeist wecken.
Die besondere Bildkompetenz, die in andere Disziplinen eingebracht werden kann, bleibt ästhetischen und künstlerischen Gesichtspunkten verpflichtet. In interdisziplinären Zusammenhängen lässt sich aufzeigen, dass die ikonischen Komponenten von Bildwelten mit den Deutungsmustern von Weltbildern korrespondieren und sich in den Bildsprachen der Kunst frühzeitig welt‑anschauliche Veränderungen ankündigen.
Als „Kunst an der Kunst“ erweist sich, dass sie mehrsinnig zu sehen oder Unsichtbares zu imaginieren und sichtbar zu machen, aber durch eigenwillig gestaltete Anschauungsformen von der Alltagswahrnehmung abzugrenzen vermag. Aus dieser Differenz begründet sich der besondere Bildungswert der Kunstwahrnehmung. Sie weckt Sensibilität für die Mehrdeutigkeit künstlerisch gestalteter Phänomene und damit für die komplexe Qualität moderner Selbst‑ und Welterfahrung, die im rationalen Denken allein nicht aufgeht. Deshalb lassen sich jene Momente der Kunst, die Engführungen im gewohnten Schönheitsempfinden, Wahrnehmungsverhalten und verstandesgemäßen Denken aufzulösen vermögen, als Potenzial nützen, das die Allgemeinbildung bereichert. Bildnerische Betätigung fördert in besonderem Maße die Phantasie junger Menschen, ihre kreativen Gestaltungsenergien und ihren Ausdrucksdrang.